

Lebenslänglich: Schreiben lernen!
Der erste Roman mit fünf: "Prinsesin ont Teufe" - ein Gruselschauercomic. Den Titel haben, Buchstabe für Buchstabe, die großen Schwestern zusammenstümpern helfen, es war ihnen nicht erlaubt, meine Rechtschreibung anzuzweifeln. Am Schluß hängt der böse Teufel, der die Prinzessin entführt hatte, an einem Galgen, der wie die Teppichstange im Hof aussieht, der Strick ist ein freundlich schwingendes Springseil, das Schloß - im Bauhausstil - gleicht dem Zuhause.
Die Wahrheit will aufs Papier. Die Wahrheit bedient sich der Bildersprache, die Wahrheit setzt sich aus Buchstaben zusammen, deren Erlernen noch in weiter, weiter Zukunft - ein Kinderjahr - liegt. Die Wahrheit weiß schon, daß sie eine Schrift brauchen wird. Die Wahrheit erfindet sich eine Sprache - Lichtjahre vor Mickymaus, vor dem Fernsehen, vor dem ersten Kinofilm eine Bildersprache.
Das erste Gedicht mit sieben: "Der Morgenstern scheint hell und klar/doch hört ihr Kinder das ist wahr".
Die gewonnene Schrift, mit Bleistift auf ein Blatt gesetzt, das ein leuchtender Buntstiftstern mit seinen Lichtstrahlen überzieht - ein Festtagsgedicht für die Mutter. Die Wahrheit steht als Text inmitten eines Bildes. Und der Text selber bedient sich eines Bildes, einer Metapher - hell und klar reimt sich auf wahr. Zum Schmunzeln verleitendes Verkündigungsdeutsch. In Diktaturen erfinden die DichterInnen eine Sprache, die Wahrheit verhüllt, um sie sagen zu können, eine Sprache, die verstanden wird, weil die LeserInnen ein enthüllendes Zuhören erfinden. Ein Kind, das nicht sprechen darf, erfindet die Travestie in der Sprache: übertrieben, pathetisch, komisch. Scheinbar inhaltsleer, hinter Pathos verborgen, scheint die Wahrheit hell und klar hervor; wenn Kinder sie für wahr halten, als wahr erkennen, ist alles ganz hell und klar. Klar!
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Erinnere dich: Schreiben lernen bedeutet Konventionen, Regeln, Normen zu lernen. Schreiben lernen bedeutet, die eigene Sprache zu verlieren. Schrift, Sprache sind nämlich schon erfunden, Kinder müssen sie lernen, ihre Hände und Köpfe werden gezähmt.
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Verletzung durch Sprache. Sprache mußte nicht obszön sein oder gemein, um mich zu verletzen. Ein bestimmtes - harmloses - Wort konnte mich zur Verzweiflung bringen. Sprache ist eine Waffe.
Sprache ist Mittel und Opfer von Vergewaltigung. Sprache tut weh. IrgendeineR sagt irgendetwas. Vielleicht ist ja etwas ganz anderes gemeint. Ein Wort verletzt.
So muß ich die Sprache schützen, verändern, in ihr Recht setzen, sie bekämpfen, sie als Gegnerin und Verbündete begreifen, schreiben, sprechen.
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Die Arbeit mit dem Text ist kein ruhiges Weben, sondern immer auch drohender Mord, denn der Text spiegelt mich und stellt mich in Frage. Niemand könnte mich so verletzen wie mein eigener Text - und nichts mich so trösten. Daraus folgt: Nichts ist so gefährlich und nichts so notwendig wie Schreiben.
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Der gezähmte Kopf muß die eigene Sprache erst wiederfinden. Ich muß so viele Jahre, nachdem ich das Schreiben erlernt habe, schreibenlernen. Ich muß entdecken, daß jeder Inhalt seine Form schon mit sich bringt, anders läßt er sich gar nicht schreiben, jedenfalls nicht von mir.
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Das Schwerste ist aber der Anfang, der erste Satz, der erste Schritt, der Beginn des Weges.
Jeder Satz verhindert den anderen, den ich statt dessen hätte schreiben können. Jeder Satz ist ein Abschied von der Utopie eines Textes, von allen Möglichkeiten, ihn zu schreiben.
Mit der endgültigen Form umgehen zu lernen, war für mich die schwerste, wichtigste Aufgabe, die ich beim Schreibenlernen hatte.
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Der Computer hilft mir, die Formung des Textes als weniger schmerzhaft und weniger bedeutungsvoll, existentiell zu empfinden, denn der Computer erlaubt die Improvisation, vorläufige Äußerungen.
Der Computer schützt mich vor dem Schmerz des Endgültigen, und damit auch vor dem Abschiedsschmerz von meinem Text.
Die virtuelle Form des Sprachprodukts bedeutet keine Festlegung, ist nicht zu fassen. Das Virtuelle schützt mich vor dem Endgültigen, indem es immer Entwurf bleibt, bedrängt mich keine Wahrheit, die eine andere Wahrheit ausschließen könnte. Paradoxerweise ermöglicht mir das, Wahrheiten zu schreiben, die mich sonst als wirklich wahre erwürgen könnten.
Ich nehme dem Text sein Eigenleben, indem ich ihn zum vorläufigen erkläre.
Der Computer (ent)hält meinen Text, meine Selbstentäußerung in der Schwebe, er hält ihn auf meinen Befehl. Mein Text (ent)hält mich - der Computer schützt mich vor seiner Berührung. Der Text wird nicht stofflich, seine Textur bleibt schwebend, virtuell. Der Computer (ent)hält meinen Text als Potential. Ich jage den Text mit der Mouse in alle Richtungen, schüttle ihn durch, ohne Skrupel - es gibt ihn ja noch nicht. Ein Mouseklick schickt ihn an den Drucker, macht ihn schwarz auf weiß manifest, greifbar, stofflich.
Im Computer ist der Schritt gemacht von der Reproduzierbarkeit zur Vorläufigkeit des Kunstwerks - dies gilt für Texte wie für Bilder.
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Seit ich die Schrift habe, kann ich sprechen. Seit der Computer mir die (Bedeutungs-)Schwere des einzelnen Textes abnimmt, spreche ich ohne Angst vor der Endgültigkeit des Wortes.
Das gesprochene Wort in seiner Mißverständlichkeit, seiner nachweislosen Zitierbarkeit, seiner Benutzbarkeit, dem Eigenleben, das es in anderen Köpfen manchmal schon führt, bevor ich es beendet habe, ist virtuell und materiell zugleich. Es hat als Medium die Gedankenwelt der Zuhörenden, es verfliegt mit der Luft, in der sein Schall schwingt, es bemächtigt sich anderer Menschen, treibt sie um, verletzt bis zum Tod, beruhigt, macht geneigt, benennt, verurteilt, macht unmöglich, etwas oder jemand noch anders zu sehen, als das vom Wort herausgeforderte Bild vorgibt.
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Auf dem Tisch liegt schon ein leinengeprägtes graues Blatt aus Recyclingpapier. Sie nimmt den schwarzen Federhalter mit dem Korkgriff aus der Stiefmütterchenporzellanschale, setzt eine tintenverkrustete Zeichenfeder ein, schraubt das Faß mit der türkisfarbenen Tinte auf, taucht die Feder ein und beginnt zu schreiben.
Die Feder verbindet mein Leben mit dem des Textes. Die Feder schreibt mit meinem ganzen Körper. Der ganze Körper findet sich im Textbild wieder, nicht nur die gezähmte Hand.
Der Text erlangt Bedeutung, mit dem ersten Wort beginnt ein Bild. Der Text bekommt mehr als Inhalt und (literarische) Form, er bekommt eine ästhetische, sichtbare Gestaltung. Die Schönheit von Autographen.
Die Feder tauche ich ins Tintenfaß, ihr Fluß hält einen Satz, der erste Strich ist satt und naß, steht als Tropfen auf dem Papier, trocknet später zu einer Schicht, rückt den Text in die dritte Dimension, er erhebt sich auf dem Papier, die Tinte trocknet zu einer metallischen Panzerung des Textes. Der Tintenfluß wird schwächer, dünner, trockener, der Text wird durchsichtig, ein Kratzen verletzt das Papier, der Text verläßt die Oberfläche, arbeitet sich ins Papier, geht in die Tiefe, verhakt sich im Papier, reißt das Papier auf, zeigt seine materielle Struktur.
Der Text fließt. Die Feder zwingt zu Worten, durch noch nicht versiegten Tintenfluß drängen sich Wörter auf, so erschafft die Feder den Text, der im Kopf noch nicht da war, so erschafft die Feder mir im Text ein Gegenüber, das ich nicht kannte, bevor es aus dem Papier zu mir sprach. Der Text wird er selbst, er bestimmt sich im Tintenfluß, er schreit aus dem verkratzten Papier.
Und dann braucht der Textkörper mich nicht mehr, weil er fertig ist; er lebt dann - auf welchem Papier, in wessen Augen, in wessen Kopf auch immer.
Sie geht zum Waschbecken, spült die noch feuchten Tintenreste aus der Feder und stellt den Federhalter, die Feder nach oben, in das Zahnputzglas.
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Die Schönheit der Schrift, das Textbild ist auch im Computer herstellbar. Vielfalt der Computerschriften: Die virtuelle Textgestalt wird mit einer True Type-Schrift provisorisch gekleidet, wie die Ausschneidepuppen, die - lange vor Barbie - Kleider angezogen bekamen, mit umgeknickten Papierstegen am Papierkörper befestigt. Welche Schrift steht meinem Text, paßt zu ihm, verleiht ihm Stil? Welche Schrift korrespondiert mit dem Inhalt, welche reibt sich am Text?
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Vor dem Schrecken des weißen Blattes, der Endgültigkeit und Bedeutungsschwere des einmal formulierten Satzes bewahrt mich die Vorläufigkeit, das scheinbar nicht Ernstgemeinte des Computertextes - oder das Kästchenpapier, ich schreibe mit der Hand mit Kugelschreiber oder Bleistift auf papierüberspannende Karos, die ich nicht brauche, wenn ich mit der Feder schreibe, die Feder fügt dem Blatt eine Textur zu, die den Text scheinbar vernachlässigt, unter der Ästhetik der Federspur vergessen läßt, daß es nicht nur Kritzelei, Zeichnung, nicht nur Bild, sondern schon Inhalt, gefügter Text ist.
Das Kästchenpapier ist ein Klettergerüst für den Text. In winziger Handschrift fügt er sich in die Höhe von fünf Millimetern, balanciert auf der Waagerechten, hält sich an der Senkrechten. Solange der Text noch unsicher ist, nicht weiß, wohin er will, gebe ich ihm die Stütze der Kästchenstruktur und die Begleitung von Kugelschreiberkritzeleien, verschiedenfarbigen, textbegleitenden Labyrinthen. Dieser Text ist rot.
Sie steht auf, geht zum Computer, liest den Text vom Blatt und gibt ihn ein.
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Der Text widersteht mir, zwingt mich zu nicht gewollten Bekenntnissen. Ein Text steht auf und richtet sich gegen mich. Sagt gegen mich aus. Der Text läßt sich nicht bestechen - nicht von mir.
Ein guter Text ist genau, egal ob er wissenschaftlich analysierend, didaktisch erklärend, dramatisch, lyrisch oder langweilig ist, er ist genau. Der Text sucht sich seine Wörter, die Wörter, in denen er geschrieben werden will.
Der Text geht über mich hinaus.
Wenn ich ihn lese, als wäre er fremd, als könnte ich aus ihm etwas Neues erfahren, dann ist er gut; wenn er gut ist, teilt er mir beim Lesen etwas mit, das ich beim Schreiben nicht wußte.
Wenn eine andere mir meinen Text erklären kann und ich in ihrer Erklärung meine eigene Intention nicht wiedererkenne, ihr aber recht geben muß, etwas aus ihrer Interpretation lerne, was ich über meinen Text und über mich nicht wußte, dann ist er gut.
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Hinter Texten kann ich mich verbergen. So offen sie sind, so betroffen, so sehr sie mich enthalten - das, was mir wirklich schwerfällt zu schreiben, wird nie jemand erkennen. Bisher bin ich für meinen Mut gelobt worden, wo ich gar keinen brauchte, während scheinbar unscheinbare Sätze mich alles an Selbstüberredung gekostet haben, daß ich sie hinschrieb. Noch nie hat mir jemand - zutreffend - auf den Kopf zugesagt: dieser Satz ist dir schwergefallen, diese Aussage ist dir peinlich, diese Äußerung bereitet dir schlaflose Nächte. So sind Texte, je offener, desto besser, mir zum Versteck geworden - auch dieser Satz wird folgenlos bleiben. Und das ist gut.
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Manchmal versucht ein Text mich zu bestechen, er fordert von mir einen bestimmten Klang, obwohl die klangerzeugenden Wörter nicht die Wahrheit wiedergeben. Er versucht, meiner Eitelkeit zu schmeicheln: so schön kannst du mich schreiben. Mein Ehrgeiz geht dann dahin, einen ganz anderen Weg zu finden, um Wahrhaftigkeit und schönen Satz in Deckung zu bringen. Manchmal entscheide ich mich für die karge Wahrheit, manchmal lasse ich mich bestechen, manchmal hat der Text recht, wenn er auf seiner Form besteht, sich von mir nicht zwingen läßt, wenn er mir zu erkennen gibt, daß seine Wahrheit nicht so ganz meiner entspricht, aber die wichtigere, intersubjektiv wirksamere ist. Laß mich nicht lügen! Schon passiert, sagt der Text.
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Der Text ist ein Spiegel, der mir dreinredet, der nicht mich zeigt, mich wiedergibt, sondern der Durchgang in die andere Welt ist.
Ich bin der Spiegel, in dem die Wahrheit sich erkennt, sich einen Text erschafft, meine Spiegelschicht ist der Text.
Ich bin das Medium, das den Text hervorbringt, die Wahrheit verdichtet.
Sie formatiert den Text mit Schrift und Rand. Sie wählt die automatische Silbentrennung. Sie wird wieder einmal vergessen, Seitenzahlen hinzuzufügen und es erst beim Anblick der Ausdrucke merken. Sie schaltet den Drucker ein, wählt im Programm Datei, Drucker, Return. Der Drucker arbeitet. Sie hat Hunger.Heidrun Uta Ehrhardt